Eine Pionierleistung und gleichzeitig ein Vorbild für mittlerweile viele ähnliche Einrichtungen in Baden-Württemberg sei das Zentrum für Gemeindepsychiatrie (ZGP) in Reutlingen. Darin waren sich die Gäste der Jubiläumsfeier „25 Jahre ZGP“ am 19. September einig. 1996 wurde das ZGP gegründet – als erstes seiner Art in Baden-Württemberg. Das Ziel war damals wie heute das gleiche: auf leicht zugängliche Art und unter einem Dach alle Hilfen anzubieten oder zu vermitteln, die Menschen mit chronischer psychischer Erkrankung benötigen. Es gehe dabei um Wohnen, Arbeit, Behandlung und soziale Teilhabe, sagte Professor Gerhard Längle, zusammen mit Christian Freisem Geschäftsführer der Gemeindepsychiatrischen Hilfen Reutlingen (GP.rt) und der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Reutlingen (PP.rt). „Das ZGP ist eine Anlaufstelle für chronisch psychisch kranke Menschen“, betonte Längle, „und ein Angebot mitten in der Stadt.“

Träger arbeiten eng zusammen

Vier verschiedene Anbieter von Hilfen für psychisch Erkrankte arbeiten in der Gustav-Werner-Straße 8 eng zusammen: die GP.rt und die PP.rt, beides Tochtergesellschaften der BruderhausDiakonie und der Zentren für Psychiatrie Südwürttemberg, sowie der VSP – Verein für eine soziale Psychiatrie und clusioNA, eine Tochtergesellschaft des Rudolph Sophien Stifts. Die Grundlagen des ZGP wurden schon Ende der 1980er Jahre gelegt, wie Rainer Kluza, im Juli in den Ruhestand verabschiedeter ehemaliger GP.rt- und PP.rt-Geschäftsführer erläuterte: „Das ZGP ist nicht vom Himmel gefallen, vorausgegangen sind zehn Jahre Kooperation zwischen dem Sozialpsychiatrischen Dienst SpDi, dessen Träger die heutige GP.rt ist, und dem VSP.“ Es ging von Anfang an darum, Menschen mit psychischer Erkrankung den Zugang zu notwendigen Unterstützungsangeboten zu vereinfachen, „darum, was man den Menschen mit psychischer Erkrankung sinnvollerweise anbietet“, unterstrich VSP-Geschäftsführer Reinhold Eisenhut. „Wir haben Ideen aus anderen Bundesländern aufgegriffen, hier aber schon Pionierarbeit gemacht.“

Nutzer sollen unkompliziert Hilfe finden

Die Angebote des heutigen ZGP, unter anderem das Kontaktcafé, den SpDi, die Psychiatrische Institutsambulanz oder den Integrationsfachdienst, nehmen derzeit täglich rund 130 Menschen wahr – nicht mitgerechnet diejenigen, die von den einzelnen Diensten beispielsweise in der Wohnung aufgesucht werden. „Im ZGP sind alle Antworten auf Probleme von psychisch Erkrankten möglich“, betonte clusioNA-Geschäftsführer Jürgen Armbruster. „Unsere Aufgabe ist es, Strukturen zu schaffen, die für die Nutzer unkompliziert sind.“ Dass das gelingt, bestätigte als Betroffene Stephanie Wollmann, die seit 17 Jahren die Angebote des ZGP in Anspruch nimmt: „Ich habe mehr Selbstvertrauen gewonnen und weniger soziale Ängste.“

Am Willen der Betroffenen orientieren

Einrichtungen wie das ZGP seien „das pulsierende Herz der Gemeindepsychiatrie“, lobte Ute Leidig, Staatssekretärin im baden-württembergischen Sozialministerium. „Die Menschen werden nicht auf ihre Erkrankung reduziert – ihnen wird dabei geholfen, ein möglichst normales Leben in der Gesellschaft zu führen.“ Im Festvortrag versuchte Professor Ingmar Steinhart von der Uni Greifswald eine Standortbestimmung der heutigen Gemeindepsychiatrie und gab zu bedenken, dass auch ein erfolgreiches Modell wie das Reutlinger ZGP noch besser werden kann: „Wir müssen uns deutlich mehr am Willen der Betroffenen orientieren“, forderte er.

Foto: Die Trägervertreter Rainer Kluza, Prof. Dr. Gerhard Längle, Christian Freisem, Reinhold Eisenhut, Jürgen Armbruster (von links).