Bis zur Wohnungstür hat er es manchmal noch geschafft – aber nicht weiter. In die Schule gehen, dem Unterricht folgen: Was für Millionen von Kindern und Jugendlichen Alltag ist, war für Jonas (Name geändert) lange Zeit unmöglich. Nicht, weil er lieber nur irgendwo abhängen wollte. „Sondern, weil ich es nicht konnte“, sagt er. Schulabsentismus nennen Experten dieses Phänomen. Mit einem Fehltag habe es bei ihm angefangen, als er 13 war, erzählt Jonas. Aus einem Tag wurden zwei Wochen, er bekam Magen- und Kopfschmerzen, wenn er doch ging. Schließlich waren es eineinhalb Jahre, die er der Schule fernblieb.

Nach monatelangem Fernbleiben wieder regelmäßig in der Schule

Inzwischen ist Jonas 19 und geht wieder regelmäßig zur Schule. Im vergangenen Jahr hat der junge Mann seinen Hauptschulabschluss gemacht. Seit Sommer 2018 lebt er in einer heilpädagogischen Wohngruppe der Jugendhilfen Deggingen und besucht die Oberbergschule, ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum der BruderhausDiakonie mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Jonas wird im Beratungs- und Förderzentrum (BFZ) unterrichtet, das die Oberbergschule für Jugendliche wie ihn entwickelt hat. BFZ und Wohngruppe sind die Säulen des bundesweit einzigartigen Projekts Nucleus,das sich an Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen richtet.

Jugendliche ziehen sich zurück und entwickeln depressive Stimmungen

Mit Schulabsentismus gehe häufig ein internalisierendes Verhalten einher, berichten Joachim Schweizer, stellvertretender Leiter der Oberbergschule, und Markus Seibold, Bereichsleitung Oberes Filstal/Geislingen. Die Jugendlichen ziehen sich komplett zurück und entwickeln depressive Stimmungen. Manche sind latent suizidgefährdet, in vielen Fällen kommt ein pathologischer Medienkonsum hinzu. Die Ursachen sind vielfältig: posttraumatische Belastungsstörungen, Mobbingerfahrungen, Trennungsängste, familiäre Belastungen, psychisch kranke Eltern, gestiegene Leistungserwartungen oder das veränderte Medienangebot. Andrea Groeneveld, Fachbereichsleiterin Jugendhilfe, Region Ulm/Ostwürttemberg, betont: „Wir sind heute besser geschult als früher, um solche psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen und gezielter damit umzugehen.“

Nucleus bietet Betroffenen einen sicheren und beschützenden Ort

Bislang gehört zum Projekt Nucleus eine Wohngruppe für bis zu acht männliche Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 21 Jahren. Ziel seien vier Gruppen, darunter auch welche für Mädchen. Geplant ist, das Aufnahmealter auf elf Jahre zu senken und das Einzugsgebiet auf ganz Deutschland auszudehnen. Der Weg zum Projekt führt über die Jugendämter und ist häufig verbunden mit einem vorausgegangenen stationären Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Nucleus hat einen ganzheitlichen Ansatz. Dabei werden stationäre Betreuung sowie Angebote aus Sozial-, Medien-, Heil- und Trauma-Pädagogik mit dem sonderpädagogischen Ansatz der Oberbergschule zusammengeführt. „Wir bieten den Kindern und Jugendlichen einen sicheren, beschützenden Ort“, betont Markus Seibold. Im Zentrum stehen eine feste Tagesstruktur mit individuell maßgeschneiderten Angeboten und Gruppenaktivitäten. Aktionen wie heilpädagogisches Klettern, Kanufahrten, Radtouren, Bowlingspielen gehören zum Konzept.

Jugendliche erfahren Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit

Auch das Schulangebot passe sich individuell den Möglichkeiten der Jugendlichen an, erklärt Joachim Schweizer. „Wir arbeiten mit flexiblen Lerngruppengrößen mit bis zu maximal sechs Schülern und reduzierten Stundenplänen, abhängig vom individuellen Funktions- und Leistungsniveau des Jugendlichen, und kooperieren zudem eng mit den Eltern.“ Auf einen bestimmten Schulabschluss müsse nicht zwingend hingearbeitet werden. „Wir zeigen auf, welche Wege sonst noch offenstehen. “ Ziel von Nucleus sei die Rückkehr der Jugendlichen, die aus unterschiedlichsten Lebensverhältnissen kommen, in ihre Familien oder ihre Verselbstständigung, sagt Markus Seibold: „Sie sollen bei uns Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit erfahren können, ihre Persönlichkeit stabilisieren, sodass eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wieder möglich wird.“