Für Hedwig Ulmer hat der Tod keinen Schrecken. „Meine Mutter hat bei der Beerdigung wie ein Engel ausgesehen“, erinnert sich die 76-Jährige, die im Haus Schwalbenstadt der Behindertenhilfe Ermstal der BruderhausDiakonie in einer Wohngruppe lebt. „Frau Ulmer wünscht sich eine Urnenbestattung“, weiß Gabriele Martin, die Leiterin der Seniorengruppe im Haus Schwalbenstadt. Sterben wolle die lebensfrohe Seniorin mit geistiger Behinderung möglichst ohne Schmerzen, auf keinen Fall wolle sie länger leiden. Gabriele Martin kennt Hedwig Ulmers Vorstellungen vom Sterben und hat mit der Klientin im Rahmen der Gesundheitlichen Versorgungsplanung (GVP) eine Patientenverfügung erstellt. Sollte Hedwig Ulmer schwer erkranken oder im Sterben liegen und ihren Willen nicht mehr äußern können, haben betreuende Fachkräfte, medizinisches und pflegerisches Personal sowie Angehörige eine verlässliche Grundlage für notwendige Entscheidungen.

Geschulte Fachkräfte auch in Reutlingen und Münsingen

„Unsere Fachkräfte erhalten durch die GVP bei Notfällen und in der letzten Lebensphase unserer Klientinnen und Klienten Handlungssicherheit“, erläutert Johannes Schneider. Der Fachbereichsleiter der Behindertenhilfe Ermstal in der Region Reutlingen hat das Beratungsangebot in der Behindertenhilfe der BruderhausDiakonie initiiert. Inzwischen gibt es auch in Reutlingen und in Münsingen/Buttenhausen in GVP geschulte Fachkräfte.  Die Kosten der GVP tragen die gesetzlichen Krankenkassen. Bei schwersten geistigen Behinderungen müssen sich die GVP-Berater auf Hinweise und Beobachtungen von gesetzlichen Betreuern und Bezugsmitarbeitern verlassen. In diesem Fall steht keine Patientenverfügung am Ende des Prozesses, sondern der „mutmaßliche Wille“ wird festgehalten.

Seit Kurzem ist auch eine Baumbestattung im Friedwald möglich

Ende 2018 haben Gabriele Martin und ihr Kollege Hartmut Kurz, der bei der BruderhausDiakonie als Berater im heilpädagogischen Fachdienst der Behindertenhilfe Region Reutlingen tätig ist, eine Fachausbildung in Gesundheitlicher Versorgungsplanung absolviert. Seit Anfang 2019 haben sie 40 Klientinnen und Klienten im Ermstal beraten; jeweils 25 Prozent ihrer Arbeitszeit verwenden beide für diese Tätigkeit. Das Fachpersonal in den Einrichtungen kommt auf sie zu, wenn zum Beispiel eine Bewohnerin an Krebs erkrankt ist oder sich ein Bewohner intensiv mit Fragen zum Lebensende beschäftigt. Zunächst versuche man, sich ein „rundes Bild von der Persönlichkeit“ zu machen, erklärt Hartmut Kurz den Ablauf. Anschließend gehe es um die letzte Lebensphase und den Ort der Bestattung. Seit Kurzem können Klientinnen und Klienten der Behindertenhilfe Ermstal auch eine Baumbestattung im Friedwald Münsingen wählen.

Existenzielle Fragen können rechtzeitig geklärt werden 

Die meisten Menschen wünschen sich, in der gewohnten Umgebung zu sein, wenn der Tod näher rückt, und nicht anonym im Krankenhaus sterben zu müssen. Die GVP ermöglicht es, solche existenziellen Fragen in Ruhe und rechtzeitig zu klären – nicht erst, wenn eine akute Situation eintritt und der Wille des Betroffenen womöglich nicht mehr in Erfahrung gebracht werden kann. Zu den Dokumenten, die in der Klientenakte in der Wohngruppe in analoger und digitaler Form hinterlegt werden, gehört auch ein Notfallbogen, der den Behandlungswillen bei einem Notfall fixiert. Nach zwei Jahren werden die Vereinbarungen überprüft.