Die 29-jährige Dorothee Eisele freut sich. Endlich wieder arbeiten, Schrauben abwiegen und verpacken. Den Freund nach drei langen Monaten in der Werkstatt der BruderhausDiakonie wiedersehen, endlich wieder Sport mit Freundinnen machen und nicht mehr alleine spazieren gehen.

Notfall-Modus beendet

Seit Mitte Juni arbeiten viele Klientinnen und Klienten in den Bad Uracher Werkstätten der BruderhausDiakonie nach der Corona-Notfallbetreuung wieder halbtags. Der Lockdown im März zwang die Werkstätten spontan auf den Notfall-Modus umzuschalten: Menschen mit Behinderung, die ihre sozialen Kontakte oft über Arbeit oder begleitete Ausflüge knüpfen, traf das besonders hart: nicht mehr regelmäßig zur Arbeit, keine Angehörigenbesuche, nur noch im Notfall zum Arzt, kein Schwimmbad. „Die Unsicherheit war groß“, sagt der Bereichsleiter des Unterstützungszentrums in Bad Urach, Dominik Scheu. „Aber ich fand es klasse, wie die Teams in den Wohngruppen der Menschen mit Behinderung aus unseren Werkstätten individuell gute Lösungen für eine Beschäftigung zu Hause gefunden haben.“

Zu Hause arbeiten und kreativ sein

Manche Klienten hatten Angst, für viele stellten Isolierung und Besuchsverbote eine große psychische Belastung dar. Spontan wurden deshalb Heimarbeitsjobs und Kreativangebote geschaffen. Heilerziehungspflegerin Marina Schnitzer-Mader bot im Wohnbereich Bastelkurse an und initiierte Brieffreundschaften mit Kindern aus dem Kindergarten Römerstein-Zainingen. Häuser malen, Papageien, Schiffe und dann das mit Herz Erschaffene an die kleinen Brieffreunde schicken – das habe so richtig viel Spaß gemacht, sagt Matthias Decker, Beschäftigter der BruderhausDiakonie-Werkstätten. Trotzdem habe er die Nase voll von Corona, denn seit Wochen hat er seine Geschwister nicht gesehen. Decker, der seit 13 Jahren in der Bad Uracher Kartonnagen-Werkstatt arbeitet, faltete auch seine kleinen Pappschachteln am Küchentisch. „War super“, sagt er, aber die Werkstatt sei ihm lieber.

Maßgeschneiderte Hygienekonzepte für die Werkstätten

„Den Betrieb mit sämtlichen Vorsichts-Maßnahmen zu Hygiene und Mundschutz nach den Lockerungen wieder hochzufahren war eine Herausforderung“, erläutert Gerhard Droste, Leiter des Geschäftsfelds Arbeit und berufliche Bildung der BruderhausDiakonie. Man habe das Betriebliche Maßnahmenkonzept des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales als Anleitung genommen. Sämtliche Vorgaben mussten an die Menschen mit Behinderungen angepasst und für sie übersetzt werden. Nicht einfach, „aber ich bin überzeugt davon, dass unsere Mitarbeitenden umsichtig damit umgehen und jeden Tag neue verantwortliche Entscheidungen treffen“, ergänzt Droste. Peter Herbatsch, der seit 49 Jahren in der Schreinerei in Bad Urach arbeitet, hat es jedenfalls gutgetan, dass er auch während der Corona-Zeit nicht auf sein geliebtes Radfahren verzichten musste. Wenn ihm einer zu nah gekommen sei, beschreibt er, „bin ich halt weit in die Wiese ausgewichen.“ Jetzt freut er sich auf die geplante Fahrrad-Freizeit im Juli. Und Matthias Decker sowie weitere Beschäftigte setzen ihre neuen Brieffreundschaften fort.