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Die Predigt im Detail

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July

Predigt am 18.6.2017, 10 Uhr, Gottesdienst zum Auftakt der 36. Etappe des Diakonie-Pilgerwegs, Dettingen/Erms

Gnade sei mit Euch und Friede von unserem Herrn Jesus Christus! 

Liebe Pilgerinnen, liebe Pilger, liebe Schwestern und Brüder,

ein guter Freund von mir ist Paläontologe und Biologe (ehrenamtlich; in der Schule hat er andere Fächer unterrichtet). Wenn ich mit ihm, was sehr selten geschieht, wandere, wird er zu einem Hörbuch und zu einer Seh-hilfe auf dieser Wanderung: Er erzählt von Erdgeschichte und Gesteinsformationen, von Pflanzen, Blüten, Bäumen und Insekten, von organischen und anorganischen Entwicklungen. Nun ist er heute nicht hier – das würde unseren Pilgerweg auch dramatisch verändern.

Aber eines ist vergleichbar: Auf einem Diakonie-Pilgerweg, auch auf diesem Diakoniepilgerweg, sollen uns die Augen und Ohren geöffnet werden. Denn diakonisch hören und sehen gehört zur Kirche untrennbar dazu. Wenn sie nicht mehr diakonisch sieht und hört, wird sie verstockt, gesichtslos und letztlich auch leblos.

Schon Gott als Schöpfer der Welt handelt diakonisch, er will Teilhabe der Menschen an seiner Wirklichkeit. In Jesus Christus zeigt sich dieser Wille zur Teilhabe noch einmal eindrücklich und „anfassbar“. Im Text von der Speisung der Fünftausend wird dieser Wille zur Teilhabe und die Kraft zur Verwandlung besonders deutlich.

„Jesus aber nahm die Brote, dankte, gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, so viel sie wollten.“

Der Dank an Gott und das Vertrauen auf seine Fülle steht in der Mitte. Das kann man an diesem Wort wunderbar sehen. Dieser Dank an Gott und das Vertrauen auf seine Fülle ermöglicht Teilhabe. Diakonie und Diakoniegeschichte sind Ausdruck dieses Dankes an Gott und Ausdruck des Vertrauens und Ermöglichung von Teilhabe. Diakonie ist der Dank für empfangene Gaben und die Aufgabe, diesen Dank in der Hilfe für den Nächsten weiterzugeben. Wir hören heute über die Bruderhaus-Diakonie. DANK – VERTRAUEN – TEILHABE - FÜLLE

An Gustav Werner kann man – ohne ihn zum Heiligen zu stilisieren – lernen, was das ist. Der Dank an Gott und das Vertrauen auf seine Fülle ermöglicht Teilhabe. Er lebte aus dem Dank an Gott. Er vertraute auf seine Fülle. Aber er sah viel Mangel. Da sind die vielen Waisenkinder, die kaum Brot haben, geschweige denn Kleider oder Erziehung. Da sind die Obdachlosen, um die sich keiner kümmert – aber auch verwitwete Tagelöhner, die sich für wenig Geld ausbeuten lassen müssen, während niemand auf ihre Kinder aufpasst.

Nicht hinnehmbare Zustände für einen Mann wie Gustav Werner. Der Theologe spürt, dass er sich der Armen und Schwachen annehmen will. In seinen Predigten ruft der junge Vikar dazu auf, den Glauben an Christus nicht als „Gnadenpolster zum Ausruhen“ zu sehen. „Wahrer Glaube wird nur in der Liebe tätig.“ Werner lebte aus dem Dank an Gott. Er vertraute auf seine Fülle und er will Teilhabe ermöglichen.

1837: Die Kinderrettungsanstalt für Waisen. Eine Kleinkinderschule wird gegründet. Später in Reutlingen das Wohnhaus am Stadtgraben, Handwerksbetriebe, und und und …

Ich will und kann hier nicht die Biographie und das Lebenswerk Gustav Werners vorstellen und die Arbeit der Bruderhausdiakonie (davon hören wir später noch). Auch nicht den Konflikt, den Gustav-Werner mit der damaligen Kirchenleitung hatte und sein Ausscheiden aus dem Pfarramt. Kirche und Diakonie – das ist immer auch eine gemeinsame Lerngeschichte. Heute sehen wir viel stärker, wie Diakonie eine Dimension von Kirche ist oder – wie jemand einmal gesagt hat: Diakonie ist der ausgestreckte Arm der Kirche in die Welt. (Auch wenn heute Diakonie in vielfältigen Formen organisiert ist.)

Martin Luther hat „diakonisches Tun“ nicht als Ansammeln von Bonuspunkten auf Gottes Kundenkonto angesehen. Aber er hat solches Tun als Ausdruck des Vertrauens und des Dankes

für Gottes gute Gabe an uns angesehen. Er hat – im Sinne des Priestertums aller Gläubigen – die Ratsherren und Stände seiner Zeit beauftragt, soziale Verantwortung zu übernehmen (Kastenordnung) und damit auch Gottesdienst im Alltag der Welt zu feiern. (Daher auch: Diakonie und Kirche in öffentlicher Verantwortung  – Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen sind Ausdruck der öffentlichen Verantwortung.)

„Jesus aber nahm die Brote, dankte, gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, so viel sie wollten.“

DANK – VERTRAUEN – TEILHABE – FÜLLE 

Auf diesem Pilgerweg können wir die Speisung der Fünftausend gleichsam innerlich uns vor Augen malen und die einzelnen Schritte mitgehen.

Was bedeutet das heute? Wer in dieser Welt und in dieser Zeit Gott dankt, der denkt neu. Weil er das Empfangene sieht, das uns zur Verfügung gestellt wird und die Verantwortung, dies Empfangene weiterzugeben.

Wer Vertrauen auf Gott und seine Wirklichkeit setzt, der wird handlungsfähig. (Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern! Er übernimmt die Initiative für das Geschehen.) Aus dieser diakonischen Handlungsfähigkeit entsteht schließlich Teilhabe. Alle in der Geschichte werden satt. Ja, es gibt sogar noch Überfluss. Die Fülle der Gnade Gottes wird sichtbar.

DANK – VERTRAUEN – TEILHABE – FÜLLE – Wir wollen heute Gott danken für die Gabe seines Wortes, die Kraft seines Wortes und des Evangeliums. Wir wollen voll Vertrauen diesen Dank aussprechen und voll Vertrauen unseren Weg in dieser Welt und in dieser Gesellschaft gehen (Pilgerweg!) Wir möchten aus diesem Dank und aus diesem Vertrauen heraus Teilhabe für alle Menschen ermöglichen. Teilhabe an Bildung, Beteiligung am gesellschaftlichen Leben mit den notwendigen Ressourcen. Dies gilt aber auch für alle Menschen dieser Welt. Dies gilt auch für unsere Weltverantwortung – ich erinnere an unsere ökumenische Diakonie und die Begegnung mit den Partnerkirchen aus aller Welt – damit wir eines Tages alle aus der Fülle des Reich Gottes leben können.

So gehen wir also nachher. Und ich werde meinem Wanderfreund erzählen können, dass ich heute auch wieder Neues entdecken habe können (weniger Gräser oder Steine). Menschen, mit denen ich auf dem Weg war und mich habe austauschen können. Neuentdeckungen im diakonischen Tun (Bruderhaus).

Und vor allem:

DANK – VERTRAUEN – TEILHABE – FÜLLE

Amen.

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