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Die Predigt im Detail

Pfr. Lothar Bauer

Matthäus 25

Besinnung zur Tagung der großen Diakonischen Träger Deutschlands in Reutlingen bei der BruderhausDiakonie am 14. und 15 September 2017

Liebe Kollegen, liebe Brüder,

zu Beginn unserer Tagung möchte ich an den Wochenspruch erinnern, eine biblische und diakonische Grundbeauftragung, Erinnerung und Mahnung aus Matthäus 25:

„Christus spricht: Was ihr getan habt einem dieser
meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.“

Das Wort Jesu, der Wochenspruch und das Reformationsjahr laden dazu ein, einen Blick auf die Geschichte der Diakonie, auf die Geschichte der christlichen Barmherzigkeit zu werfen und zu fragen, was der Beitrag der Reformation zur Entwicklung des Sozialen war. Um es vorweg zu nehmen: Es gibt ihn, den spezifischen Beitrag der Reformation zur Entwicklung und er ist so epochal wie das Reformationsgeschehen insgesamt.

Ablass und mittelalterliche Barmherzigkeit

Mit der Reformation hat ein Subjektwechsel in der Ausübung der Barmherzigkeit stattgefunden, oder etwas vorsichtiger formuliert: eine Subjektergänzung. Wer war Subjekt der Barmherzigkeit vor der Reformation? Es war der Einzelne, der dem Nächsten beistand, wie der Samariter an der Straße nach Jericho. Bald kamen aber zur Herzens- oder Gewissensdiakonie des Einzelnen überindividuelle, institutionelle Subjekte dazu. Mit der Einrichtung des Diakonen-Amtes tauchte ein Subjekt mit einer kollektiven, nämlich kirchlichen Beauftragung auf. Die Barmherzigkeit wurde eine Gemeindefunktion. Die vielen mittelalterlichen, frommen Stiftungen für Arme waren eine Mischung aus beidem – aus individueller Motivation und institutioneller Wirksamkeit über die Lebenszeit der Stifter hinaus. Fromme Kongregationen, Klostergemeinschaften, Pflegeorden wie die Beginen oder die Brüder vom gemeinsamen Leben vertraten die Gemeinde quasi in der Funktion der Barmherzigkeit, und der Bezug zu Matthäus 25, auch mit der Verwerfungsseite dort, lag sehr nahe.

Ausgangspunkt für die Reformation war die Auseinandersetzung um den Ablass. Der fromme Jenseitshandel erfolgte mit Geld, aber nicht zu vergessen: auch mit guten Werken. Das Almosen für Bettler, die fromme oder karitative Stiftung hatte immer auch den Ablassaspekt, den Erlass von Höllenstrafen im Hintergrund. Wir waren mit unserer Führungsmannschaft im Jahr 2016 an den Stätten der Reformation in Eisenach und auf der Wartburg. Dort kann man die Geschichte des Religiösen, aber auch des Sozialen und den Übergang von der mittelalterlichen auf die reformatorische Situation ablesen. Wir assoziieren mit der Wartburg den Junker Jörg und die Übersetzung des neuen Testaments. Dominanter auf der Wartburg ist die Erinnerung an Elisabeth von Thüringen, die mittelalterliche Landesmutter, die für ihr Seelenheil ihre Familie und ihre kleinen Kinder verließ. Sie pflegte Arme und Elende in franziskanischem Geiste und setzte ihr Hab und Gut ein. Neben den fürstlichen Gemächern und Hallen ist Luthers Turmstube zu sehen. Er ist den umgekehrten Weg gegangen, hat das Kloster verlassen, mit seiner Käthe eine Familie gegründet, und er war seinen Kindern ein liebevoller Vater.

Flächendeckende Sozialfürsorge, die Kirchen- und Kastenordnungen der Reformation: Das Neue, das mit der Reformation hervortrat, hat einen individuellen und einen kollektiven Charakter. In einer doppelten Weise hat eine Heiligung und gleichzeitig Verbürgerlichung des Sozialen stattgefunden. Zum einen zielt die Berufsethik Luthers auf die soziale Verantwortung des Einzelnen, der er quasi gottesdienstlichen Charakter gibt. Welches Tor zur Säkularisierung er damit aufgestoßen hat, war ihm wohl nicht bewusst. Diese individuelle Komponente hat ein institutionelles Moment und ist keineswegs ein romantisches Konzept. Im Verständnis Luthers wird diese christlich-soziale Verantwortung im Alltag der Welt wahrgenommen innerhalb von Strukturen: in der Familie, in der Nachbarschaft, im Gemeinwesen und – bezogen auf das damalige soziale Gefüge – auch in dem Stand, in den man hineingeboren war.

Im Prinzip hat die Reformation dem Geschäft mit der Angst den Boden entzogen. Damit wurden fromme Stiftungen, die aus dem Ablassmotiv heraus gestiftet wurden, hinfällig. In den evangelisch gewordenen Gebieten bekamen folgerichtig die vielen frommen Stiftungen –Armenstiftungen, Seelenstiftungen und so weiter – eine andere Funktion. Das Vermögen wurde in einer Kasse zusammengeführt und erfüllte im Wesentlichen drei Funktionen. Es diente dem Unterhalt der Kirchen, dem Aufbau einer flächendeckenden Schulbildung („teutsche Schulen“) und der Armenfürsorge. Diese Kirchen-, Sozial- und Bildungskassen hießen „Kasten“. Sie waren, anders als ein Großteil des heute umlaufenden Geldvermögens, noch physisch existent. Der Kasten hieß aufgrund seiner frommen Widmung auch der „Heilige“. Im Schwabenland kennt man noch das „Heiligsblechle“, das jene – nicht unbedingt zu ihrer Ehre – tragen mussten, die aus dem Kasten soziale Unterstützung erhielten.

Wer ist nun das Subjekt, das diese Kasse verwaltet? Wir beobachten ein neues Subjekt, das sich ans Werk macht. In den Kastenordnungen, etwa der Leisniger Kastenordnung, und in den späteren Kirchenordnungen offenbart sich, wer der Kassenwart dieses neuen Konstruktes ist. Es ist das „Corpus Christianorum“, diese gedachte Einheit einer christlichen, evangelischen Kirche und einer christlichen Obrigkeit, wie Martin Luther diese eng verzahnte Dualität in seiner Zwei-Reiche-Lehre nennt. Beide Seiten wirken aus christlicher Motivation an der Gestaltung des Sozialen mit. Die reformatorischen Kirchenordnungen waren das Instrument zur Ordnung des evangelischen Kirchenwesens. Die reformatorischen Kirchenordnungen waren so auch die ersten Sozialgesetzbücher und Bildungsgesetze. Das „Corpus Christianorum“ wurde zum Subjekt einer flächendeckend gedachten und auch installierten Form von Wohlfahrt. Es hing nun nicht mehr davon ab, ob sich ein vermögendes christliches Herz findet, das sich den Witwen und Waisen, den Fremden und Kranken zuwendet. Die Sozialfürsorge wurde zu einer gemeinsamen Aufgabe von Kirche beziehungsweise Parochie und jeweiliger Obrigkeit, städtischen Magistraten, Fürsten und ihren Beamten sowie den Vertretern der Kirche. Wohlfahrt und Bildung werden in der Reformation in dieser besonderen Konstellation zur öffentlichen Aufgabe und ergänzen die klassischen staatlichen Aufgaben der Rechts- und Friedenssicherung. Erstmals wird ein vom Grundsatz her flächendeckendes Bildungs-, aber eben auch ein Fürsorgesystem ausgerollt. Das Prinzip der Daseinsfürsorge entsteht, das uns heute als öffentliche Aufgabe so selbstverständlich ist. Dieses „Corpus Christianorum“ in seiner lokalen Ausprägung, personifiziert durch Pfarramt und Repräsentant der Obrigkeit, ist für seine armen Bürger zuständig. Wenn jede Gemeinde für die sorgt, die sich selber nicht helfen können, dann braucht es keinen Bettel mehr.

Die Reformation hat erstmals ein Volksbildungswesen und – was auch im Reformationsjahr oft vergessen wird – ein flächendeckendes Volksfürsorgewesen hervorgebracht. Wir sehen mit der Reformation mehr als die Anfänge des modernen Sozialstaates. Diese Armenpflege der Kästen, der „Heiligen“, hat dreihundert Jahre lang auf niedrigem Niveau recht und schlecht funktioniert. Es hat sich nach den Wirren des 30-jährigen Krieges erholt, bis es in den napoleonischen Kriegen und den sozialen Verwerfungen der Industrialisierung an seine Grenzen kam und zusammenbrach. Dies war die Stunde der diakonischen Gründerväter, auf die unsere Einrichtungen zurückgehen.

Die Diakoniepioniere des 19. Jahrhunderts und Bismarcks Sozialgesetzgebung

Vor 200 Jahren war wieder das primäre Subjekt christlichen Fürsorgehandelns gefragt. Das 19. Jahrhundert war die Stunde von Gründern, die in die hässliche Lücke traten, die sich zwischen Kapital und Arbeit auftat. Dass sie auf Muster der vorreformatorischen Diakonie zurückgriffen und Schwesternschaften, Bruderschaften oder – so wie in Reutlingen – eine Hausgenossenschaft gründeten, ist nicht verwunderlich. Unser Gustav Werner sagt:

„Es wurde mir klar, welch ein richtiger Gedanke der Stiftung von Klöstern zugrunde liege …“ Den Dienst der Nächstenliebe, „müssen Personen … verwalten, die sich ihm mit ungeteilter Hingabe widmen können“.

Allerdings wehrt er den mittelalterlichen Zwangscharakter ab und fährt fort:

  „Diese Hingabe muss in voller Freiheit geschehen und bleiben, fern vom Zwang der katholischen Klöster, und muss stets zum Hauptgegenstand ihrer Tätigkeit Nutzleistungen für das Wohl der Menschen haben.“

Bismarck hat mit seiner Sozialgesetzgebung auf einer höheren, nämlich der gesamtstaatlichen und nicht mehr nur örtlichen Ebene, an das in der Reformationszeit begründete Prinzip der Daseinsfürsorge angeknüpft. Unser Stiftungsgründer Gustav Werner hat die Bismarck’sche Sozialgesetzgebung sehr begrüßt. Die Diakoniepioniere und ihre Aufbauleistung sind unser Erbe. Unsere Einrichtungen verdanken sich der individuellen Initiativdiakonie des 19. Jahrhunderts und beziehen unser Selbstverständnis sehr stark aus diesem imposanten Hervortreten christlichen Glaubenshandelns. Wir arbeiten aber mit in einem System der kollektiven, staatlichen Daseinsfürsorge, das auf die Reformationszeit zurückgeht, also eine viel längere Geschichte hat. Wir berücksichtigen zu wenig, dass dies auch in ganz hervorgehobener Weise unsere Geschichte ist. Ich dachte, wir dürfen uns in diesem Kreis daran erinnern, gerade auch im Reformationsjahr, dass unsere DNA so sehr im sozialstaatlichen Geschehen steckt wie in der Gründerdiakonie des 19. Jahrhunderts. Wir dürfen uns als reformatorische Christen an der Wiege sozialstaatlicher Strukturen in unserem Land sehen. Beide Erbstränge gehören zu unserem Erbe. Es gibt keinen Grund, sie gegeneinanderzustellen.

Was nachwirkt in unserer evangelischen Welt: 1918 ist das Subjekt des reformatorischen Fürsorgehandelns abhandengekommen, das „Corpus Christianorum“. Mit der Abdankung der Monarchie in unserem Land war die Kirche auf sich selbst zurückgeworfen. Die Aufgaben, die das Corpus Christianorum einst zu seiner Sache gemacht hatte, liegen heute beim säkularen Staat. Die vielen Sozialgesetzbücher sind aus den Kirchenordnungen ausgegliedert. Ob die weltlich gewordene Sozialstaatlichkeit den christlichen Spirit noch braucht für die Erledigung der sozialen Aufgaben? Reicht der Bürgergeist aus, den das Grundgesetz zur Stiftung sozialer Verantwortung intendiert? Man wird sehen. Wir suchen unseren Platz in dieser neuen Konstellation als kirchlich evangelische Diakonie. Man räumt uns diesen Platz auch ein – vielleicht in einer gewissen Reverenz noch gegenüber dem alten System und unseren Beiträgen zur Gegenwart. Aber wir spüren auch den „wind of change“. Je säkularer unsere Verhältnisse werden, desto geringer wird die Plausibilität für konfessionell-partikulare Mitwirkungsansprüche. Eine Schneise für ein Selbstverständnis suchen wir im Rahmen und im Windschatten des eigentlich aus dem katholischen Bereich entlehnten Gedankens der Subsidiarität. Die katholischen Brüder und Schwestern haben diesen Gedanken vor dem Hintergrund entwickelt, dass sie sich nie so eng ins Bett mit der Obrigkeit gelegt hatten. So konnten sie immer eine selbstständige Rolle für sich reklamieren. Unsere Brüder und Schwestern in der der DDR mussten in größerer Staatsdistanz leben und waren uns insofern ein Stück voraus. Nun, scheint es, haben sie uns wieder eingeholt. Übrig geblieben nach 1918 ist nun auch für die Evangelischen das Reich zur Rechten, die Kirche mit ihrer Diakonie. Vielleicht sind wir oft zu sehr bestrebt, durch zeitgeistige Anbiederung den alten Partner wiederzugewinnen. Wir haben mit dem reformatorischen Erbe und dem diakonischen Aufbruch im 19. Jahrhundert eine doppelte Autorenschaft für das Soziale in unserem Land. Dies müsste uns eigentlich zu einem Selbstbewusstsein helfen, das wir als zivilgesellschaftliche Kraft auch in einer säkularen Welt einbringen.

Der diakonische Grundauftrag bleibt. Wichtig ist letztlich, dass den Not leidenden Brüdern und Schwestern unseres Herrn Jesu die Fürsorge zukommt, die sie benötigen, und wir unseren Beitrag dazu leisten.

Amen


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