Migration

Projekte für Prävention in der Flüchtlingsarbeit entwickelt

Sieben Menschen stehen hinter einer Pyramide aus Kisten, auf denen Grundrechte stehen.
Die Vielfalt im Land nutzen: Der Interkulturelle Campus Deizisau fördert Integration.

Der Interkulturelle Campus Deizisau ist Teil des Modellprojekts männlich.jung.geflüchtet². Vier Projekt-Teilnehmer stellten in Stuttgart ihre Erkenntnisse vor.

Das Stigma männlich, jung und geflüchtet zu sein, bietet viel Potenzial für das Gelingen und für das Scheitern eines Menschen bei seinen Integrationsbemühungen. Das Modellprojekt „männlich.jung.geflüchtet²” hat schwerpunktmäßig als Zielgruppe geflüchtete, junge Männer, die durch alle Netze fallen und teilweise auch durch riskantes Verhalten auffallen. Die finanzielle Förderung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg ermöglicht den teilnehmenden Trägern, darunter die BruderhausDiakonie, Handlungsansätze der Jugendsozialarbeit für diese Zielgruppe weiterzuentwickeln – damit das Gelingen überwiegt. 

Sozialminister Lucha: Jungen Menschen Perspektiven geben

Bei der Abschlussveranstaltung am 1. Juli 2025 im Diakonischen Werk Württemberg in Stuttgart stellten die BruderhausDiakonie Region Stuttgart mit dem Interkulturellen Campus Deizisau, dem Stadtjugendring Esslingen, Oberlin e. V. Ulm und Arkade e. V. Friedrichshafen ihre Erkenntnisse aus dem Projekt einer breiten Fachöffentlichkeit vor. Intensiv wurden die gewonnenen Erkenntnisse diskutiert. Sozialminister Manfred Lucha sprach ein Grußwort vor Ort. „Baden-Württemberg ist ein Land der Vielfalt, das müssen wir nutzen“, so der Minister. „Wir müssen uns fragen, wie wir diesen jungen Menschen langfristig Perspektiven, Chancen und Teilhabemöglichkeiten geben können.“ Er betonte die Notwendigkeit, sich für junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und eine vielfältige Gesellschaft einzusetzen: „Es sind Schätze zu heben! Die Talente der Menschen müssen genutzt werden, das sind echte Chancen. Für die Demokratie und als Gesellschaft müssen wir uns den Herausforderungen dieser Menschengruppe unbedingt stellen.“

Vertrauensvolle Beziehungen bilden die Grundlage

Das Team des Interkulturellen Campus Deizisau (ICD) hat im Rahmen des Projekts männlich.jung.geflüchtet² niederschwellige Angebote entwickelt, die jungen geflüchteten Männern die Kontaktaufnahme zum Campus erleichtern. Einmal in der Woche können sich junge Männer im provisorischen Barbershop für einen symbolischen Betrag professionell Haare und Bart stutzen lassen. Parallel zum Barbershop gibt es stets ein Sport- oder Freizeitangebot. Wartende können beobachten, wie andere Besucher agieren oder selbst in ein Angebot reinschnuppern. Vertrauensvolle Beziehungen und ein sicherer Ort bilden dabei die Grundlagen, auf denen schrittweise im Integrationsprozess aufgebaut werden kann. Die Erweiterung der Teilhabemöglichkeiten für diese vulnerable Zielgruppe ist mitunter das erklärte Ziel.

Durch gemeinsames Tun natürliche Sprechanlässe schaffen

Zum Angebot gehört auch die klassisch aufsuchende Arbeit: Mitarbeitende gehen in Unterkünfte und bieten dort Sprachkurse an. Das Angebot ist als Kommunikationskurs konzipiert, bei dem es darum geht, Meinungen und Wünsche auszudrücken und Probleme zu beschreiben. Bewusst wird nicht in Klassenräumen, sondern in der Küche oder auf der Terrasse unterrichtet. Bastelangebote, Erlebnispädagogik oder Sport sind in den Unterricht integriert, um natürliche Sprechanlässe zu schaffen. 

Menschen mit Zuwanderungsgeschichte werden zu Vorbildern

Das Team des ICD unterstützt einerseits junge geflüchtete Männer zwischen 18 und 27 Jahren, eine Tagesstruktur aufzubauen, und begleitet andererseits besonders motivierte Migranten auf dem Weg in Bildungs- und berufliche Qualifizierungsangebote. Dabei werden Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die erfolgreich vorausgegangen sind, zu Vorbildern und regen zum Nachahmen an. Individuelle Lernunterstützung und Begleitung durch ehrenamtliche Mentoren mit eigener Migrationsbiographie haben sich als besonders erfolgreiche Unterstützungsstrukturen herausgestellt, die gerne angenommen werden. 

Politische Teilhabe in einem demokratischen Staat erleben

Weiterhin wurden Teilnehmende auch in Angebote der Demokratiebildung eingebunden. Anlässlich eines Abgeordnetenbesuchs konzipierten Teilnehmende der Demokratiewerkstatt eine Erlebnisausstellung, welche die Bedeutung von Sprache und Arbeit sowie die Auswirkungen des Jobturbogesetzes aufzeigte. „Die Möglichkeit, bereits kurz nach der Ankunft in Deutschland Anliegen gegenüber Politikern zu äußern, stärkt das Selbstwertgefühl der Teilnehmer und zeigt ihnen deutlich, dass politische Teilhabe in einem demokratischen Rechtsstaat nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch stattfindet”, sagt Projektleiter Maik Vosseler. Ehrenamtliche Dozenten der Demokratiewerkstatt haben ein Methodentraining zur gewaltfreien Diskussionskultur entwickelt, das Inhalte von Kommunikations- und Anti-Gewalttraining kombiniert und auf die Zielgruppe abgestimmt ist. 

Modellprojekt ermöglicht, neue Ideen und Formate zu entwickeln

„Das Modellprojekt männlich.jung.geflüchtet hat uns die Möglichkeit gegeben, Dinge auszuprobieren, neue Ideen und Formate zu entwickeln und umzusetzen”, berichtet Ingrid Gunzenhauser, Fachbereichsleitung Jugendhilfe und Fachdienst Jugend, Bildung, Migration. 

Das Modellprojekt wird gefördert durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg und ist eine Kooperation mit der Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork BW e. V. und der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen*- und Männer*arbeit BW e. V. Der Förderzeitraum läuft seit dem 1. April 2023 und endet zum 31. Dezember 2025. Das Vorgängerprojekt “männlich.jung.geflüchtet” umfasste den Förderzeitraum 1. Januar 2021 bis 31. März 2023. 

Erfahren Sie mehr über den Interkulturellen Campus Deizisau.