Junge Menschen sammeln beim FÖJ Erfahrungen fürs Leben
Auf dem Bioland Hofgut Gaisbühl in Reutlingen haben drei junge Freiwillige viel über sich selbst, die Umwelt und ihre Berufswünsche gelernt.
Langsam rollt der Laster die Zufahrt zum Bioland Hofgut Gaisbühl hinauf. Er hält wenige Meter vom Hofladen entfernt, wo Mitarbeitende und Werkstattbeschäftigte wie jeden Donnerstagmorgen auf die neue Ware warten. Auf Rollbehältern werden kistenweise Obst und Gemüse vor die Hofladentür geschoben: Broccoli, Tomaten, Avocados, Süßkartoffeln, Melonen, Radieschen, Paprika, Saftorangen, Kiwis. „Alles was die BruderhausDiakonie nicht selbst anbaut, bestellen wir, wenn möglich regional“, sagt Emily Haid. Die 18-Jährige macht gemeinsam mit Charlotte Neurath und Jonas Eberhardt ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) bei der BruderhausDiakonie in Reutlingen. Sorgfältig prüft sie die neu eingetroffenen Waren: neben Obst und Gemüse auch Milchprodukte und Getränke. „Das muss alles umgepackt werden“, informiert sie zwei Werkstattbeschäftigte, die auf Anweisungen warten. „Ihr könnt schon mal die grünen Gemüsekisten aus dem Lager holen.“
360 Salatköpfe müssen geputzt und gewaschen werden
Emily Haids Arbeitstag hat um 7.30 Uhr begonnen. Sie hat die Preise für jedes einzelne Produkt in das Kassensystem des Hofladens eingetragen. Dann hat sie frisch geernteten Salat geputzt und gewaschen. „360 Salatköpfe, da haben wir noch eine Weile zu tun“, sagt sie schmunzelnd. Die Arbeit gefällt ihr sehr. „Hier macht jeder alles. Und wir lachen viel miteinander.“ Wenn sie mit der Arbeit für den Hofladen fertig ist, muss die Backstube für den nächsten Tag hergerichtet und der Vorteig angemischt werden. Dienstags und freitags gibt es selbst gebackene Brote und Kuchen im Hofladen zu kaufen. Sauerkirsch- und Johannisbeerkuchen zum Beispiel. Ihre FÖJ-Kollegin Charlotte Neurath hat gemeinsam mit Werkstattbeschäftigten körbeweise Sauerkirschen und Johannisbeeren geerntet. Der größere Teil davon wird zu Fruchtaufstrich verarbeitet, ein kleiner Teil ist für die Backstube bestimmt. Geduldig zupft die FÖJlerin die roten Beeren von den Stängeln. „1,2 Kilo für einen Kuchen“, erklärt sie und legt die Schale mit den Beeren auf die Waage. Die 18-jährige arbeitet im Obstbau mit. Zu ihren Aufgaben gehören das Ernten und Verarbeiten von Früchten, aber auch Baumpflege, Mäharbeiten, Unkraut jäten und Mosten. „Wir haben an die 2000 Bäume auf dem Gaisbühl – Äpfel, Birnen, Kirschen, Mirabellen und Zwetschgen“, zählt sie auf.
Im Gemüsebau wird alles noch von Hand gemacht
Im Gemüsebau herrscht eine ähnliche Vielfalt. „Jetzt im Sommer säen wir Salat, Lauchzwiebeln, rote Beete und Petersilie. Tomaten- und Gurkenpflanzen bekommen wir geliefert“, berichtet Jonas Eberhardt, während er Salatsetzlinge aus den Anzuchtschalen nimmt. „Die pflanzen wir nachher in die Beete.“ Heute Morgen hat der 19-Jährige mit Werkstattbeschäftigten schon fleißig Salat und Lauchzwiebeln geerntet, für den Hofladen und für Biomärkte in der Region. Er zeigt auf die großflächigen Gemüsebeete des Hofguts Gaisbühl. „Wir machen hier alles von Hand“, sagt er fast ein wenig stolz. Jonas Eberhardt genießt sein freiwilliges Jahr, insbesondere die Zusammenarbeit mit den Beschäftigten der Werkstätten. „Ich wollte nach dem Abi eine praktische Arbeit machen, draußen“, sagt er. Von Montag bis Freitag pendelt er nun mit dem Bus von Sonnenbühl-Genkingen nach Reutlingen. Emily Haid kommt aus Oberroth bei Schwäbisch-Hall, Charlotte Neurath aus Mühlacker. Beide teilen sich eine Wohnung der BruderhausDiakonie in der Nähe des Hofguts.
Das FÖJ hat auch ihre Berufswahl beeinflusst
Auf die Frage, ob sich ihre Erwartungen erfüllt haben, sind sich die Jugendlichen einig: „Nicht nur erfüllt, sogar übertroffen“, versichern sie während einer gemeinsamen Arbeitspause. „Ich bin so froh, dass ich hier gelandet bin“, meint Emily Haid. „Die Atmosphäre, der Umgang mit den Kollegen und immer gibt es was Neues zu entdecken“, schwärmt die 18-Jährige. Das FÖJ hat auch ihre Berufswahl beeinflusst. Emily Haid will Waldwissenschaft in Freiburg studieren, weil ihr Nachhaltigkeit und Naturschutz am Herzen liegen. Charlotte Neurath freut sich, dass sie „fachlich viel gelernt und soziale Kompetenzen erworben“ hat. „Das FÖJ hat mir bei der persönlichen Entwicklung sehr geholfen.“ Und es habe ihr gezeigt, dass sie mit Menschen mit und ohne Beeinträchtigung umgehen kann. Ab Herbst will Charlotte Neurath Medizin studieren. Und Jonas Eberhardt? Der junge Mann schwankt noch zwischen Umweltschutztechnik und Elektrotechnik.
„Wir sind in diesem Jahr alle drei ziemlich gewachsen“
Ende August ist das FÖJ für alle drei vorbei. Daniel Pfeiffer, Werkstattleitung Ökologie und Landbau in der Region Reutlingen, zieht ein positives Fazit. „Ich bin mehr als zufrieden. Es war ein richtig gutes Jahr und eine tolle Gruppe“, lobt Pfeiffer das Trio. „Wir sind in diesem Jahr alle drei ziemlich gewachsen“, findet Emily Haid. „Und können jetzt sogar Traktor und Radlader fahren“, fügt Charlotte Neurath lachend hinzu. Ob sie das FÖJ weiterempfehlen würde? „Hier auf jeden Fall.“