Migration und Zuwanderung

Interkultureller Campus Deizisau erleichtert Einstieg ins Arbeitsleben

Das Foto zeigt drei junge Männer.
Maik Vosseler unterstützt Celal Arslan (links) und Abdullah Özer (rechts) beim Einstieg in Gesellschaft und Arbeitswelt.

Der interkulturelle Campus Deizisau vereint Jugendsozialarbeit, Arbeitsmarktintegration und Vermittlung von basisdemokratischen Grundlagen.

Für einen Campus sieht das Haus des Interkulturellen Campus Deizisau (ICD) recht unscheinbar aus. Im Inneren des Gebäudes gibt es zwei Klassenzimmer, eine Werkstatt und Büros sowie einen improvisierten Barber-Shop: ein Spiegel, ein Stuhl und ein kleiner Tisch reichen. Ehrenamtlich rasiert dort ein junger Mann gerade einem Kunden einen Under-Cut. Der Campus ist eine Anlaufstelle für Geflüchtete. Projektleiter Maik Vosseler erklärt: „Wir verbinden hier die klassische Jugendsozialarbeit mit der Arbeitsmarktintegration– oder der Vermittlung in ein Studium oder eine Ausbildung.“ 

Migrantinnen und Migranten beim Start ins Berufsleben unterstützen

Ein starkes Augenmerk legen die Mitarbeitenden dabei auf die „besonders Motivierten“ unter den Geflüchteten. Rund ein Viertel der Besucher setze alles daran, rasch beruflich und sprachlich in Deutschland voranzukommen und endlich arbeiten zu können. „Wir merken sehr schnell, wer zu den Engagierten gehört“, sagt Maik Vosseler. Harte Kriterien gebe es dafür nicht. Aber das Beispiel des 33-jährigen Celal Arslan, der 2018 aus der Türkei kam, zeige, worum es geht: „Der kam jeden zweiten Tag zu uns und fragte: Kann ich helfen?“ Arslan sei immer mit einem Deutschbuch in der Hand unterwegs gewesen. Er hat in der Türkei Gesundheitsmanagement studiert und in einem Krankenhaus gearbeitet. „Deutsch ist der Schlüssel zum Erfolg“, sagt Celal Arslan. Mittlerweilehat er die Prüfung für fortgeschrittenes Deutsch auf dem Niveau C1 bestanden. Der 33-Jährige ist beim ICD beschäftigt und hat soziale Aufgaben übernommen. Außerdem erledigt er die Buchhaltung. Die Motivation und Betreuung von Maik Vosseler und seinem Team hätten ihm sehr geholfen, sagt Arslan. Beruflich kann er sich durchaus vorstellen, noch mal etwas anderes zu machen und die Karriereleiter weiter aufzusteigen. 

Erfolgreiche Zusammenarbeit mit Arbeitgebern aufgebaut 

Vosseler berichtet: „Der ICD hat ein Netzwerk aufgebaut, in dem der Campus mit Arbeitgebern zusammenarbeitet und so junge Leute in Kontakt bringt. Wir wollen nicht nur in Berufe vermitteln, in denen dringend Arbeitskräfte gesucht werden“, sagt er. Entscheidend für eine berufliche Weichenstellung seien die Talente und Fähigkeiten der Geflüchteten. Besucher des ICD hätten das breite Spektrum an Möglichkeiten genutzt und beispielsweise ein Maschinenbau- oder Chemiestudium oder eine Lehre zum Groß- und Einzelhandelskaufmann aufgenommen oder eine Ausbildung zum Krankenpfleger oder Physiotherapeuten begonnen. Beim 27-jährigen Abdullah Özer haben Neigung und das berufliche Angebot der BruderhausDiakonie gut zusammengepasst. In der Türkei hatte er Sportwissenschaft studiert. In Deutschland hat er sich umorientiert: Im Oktober beginnt er eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer. Das sei prima,sagt er. „Ich habe schon in meiner Heimat mit älteren Menschen ehrenamtlich gearbeitet.“ Maik Vosseler denkt, als Sportwissenschaftler könne Özer in seinem neuen Beruf auch bewegungstherapeutische Angebote machen. Seiner Sportleidenschaft geht Özer, der 2023 nach Deutschland kam, auf dem Fußballplatz nach. „Ich pfeife als Schiedsrichter bis zur Bezirksliga“, berichtet er. Am Wochenende sei er im Trikot des Referees in Pliezhausen und Mettingen unterwegs. 

Migrantinnen und Migranten eine Zukunftsperspektive bieten 

Nicht immer läuft es so glatt. „Wir hatten einen jungen Mann, der schon einen Ausbildungsvertrag unterschrieben hatte – dann ist er durch die Sprachprüfung B1 gefallen”, erzählt Vosseler. Dieses Sprachniveau ist Mindestvoraussetzung für eine Ausbildung. Eine Wiederholung der Prüfung kostet 150 Euro. Dafür hätte der Geflüchtete selbst aufkommen müssen. Hinzu kamen 500 Euro für ein weiteres Lehrmodul im Deutschkurs. Der ICD kümmerte sich um Spenden, damit dem jungen Mann die Chance auf eine Ausbildung erhalten blieb. Bei einem anderen ICD-Besucher dauerte die Bewilligung des Bafög- Antrags länger als erwartet. Der Migrant hatte eine Studienzulassung erhalten, wusste aber nicht, wie er seinen Lebensunterhalt bestreiten soll und welche Behörde in der Zwischenzeit dafür zuständig ist. Das Ausländeramt habe auf das Jobcenter verwiesen, das wiederum auf die Ausländerbehörde, berichtet Vosseler. Die Arbeit des ICD sei gesellschaftlich wertvoll, findet er. Jungen Migranten eine sinnvolle Tätigkeit zu vermitteln, vermeide „dass sie auf dumme Gedanken kommen”. Der ICD versuche seine Schützlinge über die gesamte Dauer einer Ausbildung zu begleiten. Da komme es dann vor, dass der Meister alle sechs Monate anrufe, einen Zwischenstand gebe, Erfahrungen austausche oder darauf hinweise, dass der Azubi etwas Motivation brauche.

Dauerhafte Finanzierung des Interkulturellen Campus sichern 

Herausfordernd sei, dass die Finanzierung der Projekte zeitlich begrenzt ist – wie beim Programm des Sozialministeriums „männlich.jung.geflüchtet“, das im August ausläuft. Die Finanzierung des Campus-Angebots sei dann akut gefährdet und das, obwohl der ICD unter den zehn Finalisten des Integrationspreises des Landes Baden-Württemberg war und dadurch über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt wurde. „Wir bräuchten eine Regelfinanzierung“, meint auch Ingrid Gunzenhauser, Fachbereichsleitung Jugendhilfe der  BruderhausDiakonie in der Region Stuttgart. „Der ICD ist schon einzigartig, er bringt Hilfe aus einer Hand. Da fließen Jugendsozialarbeit, Lebensanleitung und Arbeitsmarktintegration zusammen.“ Durch seine Arbeit entlaste der ICD die Jobcenter. Er sorge dafür, Flüchtlinge rascher in den Arbeitsmarkt zu führen. Das wünsche sich auch die neue Koalition in Berlin, sagt Gunzenhauser. Neben der Hilfestellung, deutsche Gesetze und behördliche Abläufe zu verstehen und Menschen in die Arbeitswelt zu begleiten, leistet der ICD auch demokratische Basisarbeit. Als nächsten Schritt haben sich die Mitarbeitenden des ICD vorgenommen, stärker mit allen Einrichtungen der BruderhausDiakonie zu kooperieren. „Denn die haben ebenfalls einen hohen Bedarf an weiteren Fachkräften für ihre Kitas, Alten- und Pflegeheime”, sagt Ingrid Gunzenhauser.

Erfahren Sie mehr über den Interkulturellen Campus Deizisau.

Autor: Christoph Link