Jugendhilfe

Selbstvertrauen von Kindern und Jugendlichen fördern

Das Foto zeigt zwei Jugendliche und einen Betreuer im Kletterpark.
Ein Besuch im Kletterpark stärkt das Selbstbewusstsein.

Was macht Kinder und Jugendliche, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, stark? Jugendhilfe-Experten der BruderhausDiakonie geben Antworten.

Edwin Benner erinnert sich noch gut an das kleine Mädchen, das im Alter von sieben Jahren mit ihren drei älteren Schwestern zum Jugendhilfeverbund Kinderheim Rodt in Loßburg kam. Der Vater hatte sich von der Familie zurückgezogen, die Mutter war psychisch belastet und mit den Kindern überfordert. Als sie die Kinder vernachlässigte, schaltete sich das Jugendamt ein. Die Geschwister wirkten scheu und unsicher, als sie in der Jugendhilfeeinrichtung der BruderhausDiakonie eintrafen. „Vor allem die Jüngste litt sehr unter der fehlenden Aufmerksamkeit der Eltern“, sagt Edwin Benner, Fachbereichsleiter Jugendhilfe in der Region Freudenstadt. „Sie war sehr kommunikativ und hatte das große Bedürfnis, sich mitzuteilen.“ In den Wohngruppen des Kinderheims Rodt bekam das Mädchen die Zuwendung, nach der es sich sehnte. „Sie hat alles aufgesaugt, was wir ihr angeboten haben“, berichtet Benner. Dreizehn Jahre blieb sie in der geschützten Umgebung des Heims. Mit 20 zog sie in ihre eigene Wohnung nach Freudenstadt und absolvierte eine Ausbildung zur Optikerin. „Heute arbeitet sie in einem Optikerladen und macht noch den Meister, mit dem Ziel ein eigenes Geschäft zu eröffnen.“

Kindern und Jugendlichen Freude am Leben vermitteln  

Edwin Benner hat in seiner langen Berufslaufbahn viele junge Menschen begleitet, die keinen guten Start ins Leben hatten. Ihm und seinem Team gehe es immer darum, betroffenen Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, stark zu werden und Freude am Leben zu finden. „Viele Kinder konnten sich nicht auf ihre Eltern verlassen, weil diese zum Beispiel psychisch krank oder alkoholabhängig waren. Manche haben auch Gewalt erlebt.“ Durch die belastende familiäre Situation seien die Kinder psychisch und emotional stark beeinträchtigt. Was sich wiederum in ihrem Verhalten ausdrücke: „Die einen verschließen sich, die anderen treten als die Coolen auf und überspielen damit ihre traumatischen Erfahrungen“, berichtet Benner. 

56 Kinder und Jugendliche leben derzeit im Kinderheim Rodt. Für die Kleineren ab sechs Jahren gibt es die heilpädagogischen Wohngruppen, die neben einer verlässlichen Alltagsstruktur mit festen Bezugserziehern eine Einzelbetreuung im spieltherapeutischen und reitpädagogischen Bereich bieten. „Diese 1:1-Betreuung ist den Kindern sehr wichtig. Da haben sie eine Person für sich allein und es entsteht Beziehung.“ Für die Größeren ab zwölf Jahren sind die Jungen- beziehungsweise Mädchengruppen vorgesehen, im späteren Jugendalter die Verselbstständigungsgruppen. Es gibt eine Außenwohngruppe für traumatisierte Kinder und eine Inobhutnahmegruppe für Kinder, deren Wohl gefährdet ist.

Erlebnispädagogische Aktivitäten stärken das Selbstbewusstsein  

„Alle diese jungen Menschen haben großen Bedarf,  dass jemand für sie da ist, der sie ernst nimmt“, sagt Edwin Benner. „Wir sind zunächst einmal Lernende, denen die Kinder zeigen dürfen, wer sie sind, welche Wünsche und Ideen sie haben.“ Die Beteiligung der Kinder am Gruppenalltag werde ebenso gefördert wie das Mitwirken beim eigenen Hilfeplangespräch, betont Benner. Er und sein Team setzen an den Stärken der Kinder an und lassen sie zeigen, was sie können: beim Einstudieren von Tänzen, bei Turneinlagen und Zirkusnummern, beim Proben im Chor oder eines Anspiels im Gottesdienst. „Solche Aktionen stärken das Selbstvertrauen und das Verantwortungsgefühl.“ Dazu tragen auch erlebnispädagogische Aktivitäten wie Klettern, Paddeln, Bergwandern sowie mehrtägige Projekte wie das Skischullandheim im Winter und die Radtour mit Edwin Benner im Sommer bei. „Das gibt den jungen Menschen Kraft. Sie erleben sich als motiviert und selbstwirksam.“ Um dieses Ziel zu erreichen, brauche es Mitarbeitende, „die sich mit ihren Stärken und ihrer Persönlichkeit von mir als Fachbereichsleitung ernst genommen fühlen, die sich einbringen und weiterentwickeln dürfen“, betont Benner: „Nur starke Mitarbeitende können Kinder stark machen.“

Interesse und Struktur als Voraussetzung für eine vertrauensvolle Beziehung

Über starke Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügt auch die Oberlin-Jugendhilfe in Reutlingen. Johannes Griesinger verantwortet den Bereich schulnahe Hilfen, zu denen die Schulsozialarbeit und die Schulbegleitung gehören. „Sehr viele Kinder und Jugendliche haben sonderpädagogischen Bildungs- und Förderbedarf“, weiß Griesinger. Im Landkreis Reutlingen betreuen 100 Schulbegleiterinnen der Oberlin-Jugendhilfe 130 Schülerinnen und Schüler in allen Altersstufen. Die Diagnosen sind vielfältig: kognitive Beeinträchtigungen, emotionale Störung, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Autismus. Was Betroffenen helfe? „Ein echtes Interesse an den Kindern, damit eine tragfähige, vertrauensvolle Beziehung entstehen kann“, betont Griesinger, „sowie eine feste Struktur und Regeln, die konsequent eingehalten werden.“ Denn häufig fehlten diesen Kindern nicht nur soziale Kompetenzen, sondern auch jegliche Erfahrungen in der Gruppe. Wenn sie sich dort überfordert fühlten, komme es leicht zu grenzüberschreitenden Verhaltensweisen wie schreien, andere beleidigen und schlagen. „Wir reagieren darauf mit Deeskalation, begleiten die Kinder in ihrer Not und reflektieren anschließend, was der Auslöser war.“ Damit das Kind lernen kann, sich adäquat zu verhalten, sei es wichtig, seine Bedürfnisse im Blick zu behalten und altersgerechte Abmachungen mit ihm zu treffen.

Jugendmigrationsdienst unterstützt Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung

Johannes Griesinger ist aber nicht nur für die schulnahen Hilfen zuständig, sondern auch für den Jugendmigrationsdienst Reutlingen, Ermstal, Münsingen. Über 500 junge Menschen mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung zwischen zwölf und 27 Jahren begleitet der Jugendmigrationsdienst bei der Integration. Neben sprachlichen und kulturellen Barrieren sei häufig der Aufenthalt bedroht, was die Betroffenen psychisch sehr belaste. Ihnen wollen Griesinger und sein Team emotionale Unterstützung bieten und Wege aus der Perspektivlosigkeit aufzeigen. Für den Jugendhilfe-Experten ist klar: „Wir müssen als Gesellschaft diese Kinder und Jugendlichen im Blick behalten.“

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