Migration und Zuwanderung

Wenn Aufenthalt und Integration für Geflüchtete zum Hürdenlauf werden

Das CHAI-Team Layla Bagli, Theresa Ringwald und Helena Saidi (v. l.). beraten Migranten und Zugewanderte.

In der Beratungsstelle CHAI in Kirchheim unter Teck erhalten Menschen mit Migrationsgeschichte und Geflüchtete Rat und Unterstützung.

Die Angst lässt Rasha Saleh* nicht los. Erst waren es Krieg und Gewalt in ihrer Heimat Syrien, dann die gefahrvolle Flucht ihres Mannes 2015 nach Deutschland. Die Flucht gelang. Ihr Mann erhielt einen gültigen Aufenthaltstitel, eine Arbeit und eine Wohnung. Im Rahmen des Familiennachzugs folgte sie ihm mit den Kindern 2021 nach Kirchheim unter Teck im Landkreis Esslingen. Doch die Ehe scheiterte und Rasha Saleh stand als alleinerziehende Mutter von vier kleinen Kindern vor großen Herausforderungen. „Als sie zu uns kam, um Rat zu suchen, sprach sie kaum Deutsch, wirkte unsicher und verängstigt“, berichtet Theresa Ringwald, BruderhausDiakonie-Mitarbeiterin bei CHAI. 

Die Integration von Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte fördern

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Helena Saidi und Layla Bagli unterstützt Theresa Ringwald Menschen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte bei der Integration – alle drei haben eine 50-Prozent-Stelle. Das Wort CHAI bedeutet in vielen Ländern Tee. In der Beratungsstelle CHAI in Kirchheim unter Teck gibt es für Menschen mit Migrationsgeschichte und Geflüchtete zwar keinen Tee, dafür aber kompetenten Rat und bedarfsgerechte Unterstützung. Im vergangenen Jahr führten die Mitarbeiterinnen 480 Beratungsgespräche. Die Ratsuchenden kamen vorwiegend aus Syrien, Afghanistan, Somalia, Eritrea, Palästina und dem Irak. „Unsere Beratung ist niederschwellig, individuell und bedarfsorientiert“, erklärt Ringwald. 

Geflüchteten beim Spracherwerb und Einstieg ins Berufsleben unterstützen

Darüber hinaus haben Menschen wie Rasha Saleh die Chance, an Teilprojekten von CHAI teilzunehmen: JET – Treffpunkt Einstieg Job unterstützt bei der beruflichen Orientierung. BTC ist ein intensives Bewerbungstraining und Coaching, finanziert vom Jobcenter. Gruppen für Männer und für Frauen bereiten zielgruppenspezifisch auf das Leben in Deutschland vor, vermitteln Sprachkenntnisse und Wissenswertes zu Demokratie und Aufenthaltsrecht. „Nach der Trennung von ihrem Mann gab es für Rasha keine rechtliche Grundlage mehr hierzubleiben“, beschreibt Theresa Ringwald das Dilemma der heute 40-jährigen Syrerin. Um die Abschiebung der fünfköpfigen Familie zu verhindern, benötigte die Mutter einen Aufenthaltszweck. Ringwald stellte den Kontakt zur kommunalen Ausländerbehörde her, die als Aufenthaltszweck den Einstieg ins Arbeitsleben festlegte. Mit Hilfe der CHAI-Fachkräfte fand Rasha Saleh einen passenden Sprachkurs und eine Teilzeitstelle in der Hotelbranche.

Kontakt zu Ämtern und Behörden vermitteln 

Als Alleinerziehende hat sie Anspruch auf Unterhaltsvorschussleistungen für ihre vier minderjährigen Kinder und kann als Teilzeitbeschäftigte zusätzlich aufstockende Leistungen beantragen. „Das hätte sie ohne unsere Hilfe nicht geschafft. Die bürokratischen Hürden sind in Deutschland sehr hoch. Viele scheitern schon an der Online-Terminvergabe“, weiß Helena Saidi. Sie und ihre Kolleginnen bahnten den Kontakt zum Kreisjugendamt und zum Jobcenter an. „Wir haben Rasha auf Augenhöhe beraten und dadurch schnell ein Vertrauensverhältnis aufgebaut“, berichtet Helena Saidi. Die Syrerin sei selbstbewusster geworden und stolz auf das Erreichte. Die Angst jedoch sei geblieben. „Bei jedem Termin spricht sie von ihrer Furcht, ihren Arbeitsplatz und damit die Aufenthaltserlaubnis zu verlieren.“ Auch benötige sie weiterhin „kleine bürokratische Hilfen, die zeitintensiv sind“, zum Beispiel wenn sie die Kostenerstattung für das Schulmittagessen oder für die Ferienbetreuung der jüngsten Kinder beantragen wolle. 

Recht auf Chancengleichheit gewährleisten 

„Für die meisten Ratsuchenden ist es schwierig, sich im aufenthaltsrechtlichen Dschungel zurechtzufinden“, weiß Layla Bagli. Mohammad Alawi* zum Beispiel ist als Jugendlicher aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Jetzt ist er 18 Jahre alt, macht eine Ausbildung in einem Handwerksberuf und verfügt über eine Duldung. „Er hat auf der Flucht sein Leben riskiert, in Deutschland einen Schulabschluss gemacht und kann während der Ausbildung trotzdem abgeschoben werden“, schildert sie Mohammads Situation. Was sie für ihn tun kann? „Ihm zuhören, ihm in einfacher Sprache Chancen und Grenzen aufzeigen und bei den Behörden nachhaken.“ Die Entscheidung, ob er hierbleiben kann, treffen andere. Das hindert das CHAI-Team nicht daran, sich unbeirrt für die Ratsuchenden einzusetzen. „Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht, das aktuell in Gefahr ist“, betont Ringwald. „Menschen, die bei uns leben, aus welchen Gründen auch immer sie immigriert sind, sollten das Recht auf Chancengleichheit und wertschätzende, fachlich kompetente Beratung vor Ort haben.“ 

*Name von der Redaktion geändert

Erfahren Sie mehr über die Beratungsstelle CHAI.

Erfahren Sie mehr über das Projekt JET. 

Erfahren Sie mehr über Sprachkurse- und Integrationskurse der BruderhausDiakonie.