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Teilhabe an Bildung und Ausbildung bei Gustav Werner

Die Bildungssituation zu Gustav Werners Zeiten ähnelte der in heutigen Entwicklungsländern. Bildung, unter der man im 19. Jahrhundert vor allem die Beschäftigung mit Geisteswissenschaften, Musik und Literatur verstand, war größtenteils den reichen Familien vorbehalten.

Obwohl schon eine Art Schulpflicht bestand, fehlten die Strukturen, um der breiten Masse eine umfassende Bildung zu ermöglichen. Armut und Hunger waren weit verbreitet. Arbeiter- und Bauernkinder wurden frühzeitig aus der Schule genommen, weil sie den Familien-
unterhalt unterstützen mussten oder das Schulgeld zu teuer war. Es fehlten die Voraussetzungen für einen sozialen Aufstieg durch Bildung, wie er heute möglich ist.

Gustav Werner selbst stammte aus einer privilegierten Schicht und genoss eine umfassende Bildung einschließlich Theologie-Studium. Er war einer der ersten seiner Zeit, die erkannten, dass eine praxis-
orientierte, umfassende Berufsbildung wichtig und nützlich ist, nicht zuletzt, um Armut zu bekämpfen und vorzubeugen. Er sorgte nicht nur dafür, dass arme und benachteiligte (Waisen-)Kinder ein neues Zuhause bekamen, sondern ermöglichte ihnen auch, einen Beruf zu erlernen, von dem sie später leben konnten. Dabei ließ er Mädchen nicht außen vor, sondern bot ihnen beispielsweise die Chance, Lehrerin zu werden. Junge Migranten wurden in Werners Anstalten ebenso ausgebildet, es ist von Lehrlingen aus Russland, Griechenland und der Schweiz bekannt.

Bildung bedeutete für Gustav Werner jedoch mehr, als das bloße Erlernen eines Broterwerbs. Für ihn war auch eine umfassende Persönlichkeitsbildung wichtig, um Kinder und Jugendliche vor den Gefahren außerhalb seiner Anstalten zu wappnen. So gab es im Bruderhaus zahlreiche Aktivitäten wie Turnen und Singen, eine Bibliothek, Ausflüge und die Feuerwehr, in der sich Lehrlinge engagieren konnten. Werner legte außerdem schon auf frühkindliche Erziehung Wert, auf die Vermittlung von Werten und auch auf die Förderung individueller Fähigkeiten. Dass er damit Erfolg hatte, zeigt sich nicht nur am prominentesten Vertreter seiner Zöglinge, Wilhelm Maybach, sondern auch an vielen anderen erfolgreichen Unter-
nehmern, die in den Werner'schen Anstalten und Betrieben Ausbildung und Förderung fanden.

Heute hat sich das deutsche Bildungssystem stark verändert. Bis zum 18. Lebensjahr besteht die (Berufs-)Schulpflicht, und theoretisch stehen jedem sämtliche Bildungsmöglichkeiten offen. Doch am Grundproblem des deutschen Bildungssystems scheint sich seit dem 19. Jahrhundert kaum etwas verändert zu haben: Immer noch sind die Bildungschancen von Kindern sehr stark abhängig vom sozialen Status ihrer Eltern, und das öffentliche Schulsystem fördert benach-
teiligte Schüler nur unzureichend. Was früher Waisenkinder waren, sind heute Jugendliche aus sozial schwachen Familien, in vielen Fällen zudem mit Migrationshintergrund oder Lernschwächen. Gustav Werners Ansatz wird heute in der BruderhausDiakonie weitergeführt. Ergänzend zum staatlichen System werden benachteiligte Kinder und Jugendliche auf vielfältige Weise gefördert, um ihnen Chancen auf dem Arbeitsmarkt und sozialen Aufstieg zu ermöglichen.

Kontakt


BruderhausDiakonie
Ringelbachstraße 211
72762 Reutlingen
Telefon 07121 278-0
info(at)bruderhausdiakonie.de

 

Das Lebenswerk von Gustav Werner
In eindrucksvollen Bildern zeigt der Film das Lebenswerk von Gustav Werner von den Anfängen bis in die heutige Zeit. >>